Achilles war der beinahe unverwundbare Held der Griechen vor Troja. Mutig und gottgleich führte er die Griechen an, galt er als unverwundbar. Einzig an der Ferse, an der seine Mutter ihn festhielt, als sie ihn in den Fluss der Unterwelt tauchte, um die Sterblichkeit zu eliminieren, war Achilles schließlich noch verletzlich…

Auch der mit dem X308 und dem X100 eingeführte V8-Motor von Jaguar hat, obwohl (zurecht) als Meilenstein für Jaguar gepriesen, eine Achillesferse. Genau genommen sind es sogar zwei – beide kein Drama, man sollte sich der Thematik aber übewusst sein. In diesem Beitrag möchte ich auf die Problematik hinweisen, die Hintergründe (hoffentlich) einigermaßen verständlich erläutern, und auf weiterführende Seiten verweisen.

Die Kettenspanner-Problematik

Mit der neuen V8-Generation entschied sich Jaguar leider zunächst auch für Kettenspanner aus Kunststoff. Es bilden sich Risse im Kunststoff von Kettenspannern und Führungsschienen, und bei „angeschlagenen“ Motoren finden sich infolge dessen nicht selten auch Plastikteile der Kettenführungen in Ölwanne und -sieb.

Die Aufgabe dieser Kettenspanner ist es, die Steuerkette der Ventile gespannt zu halten, wofür Jaguar insgesamt 4 Kettenspanner einsetzt.

  • 2 Kettenspanner oben (Antrieb der beiden Nockenwellen)
  • 2 Kettenspanner unten (für den Kurbelwellentrieb)
  • Führungsschienen für die Steuerketten

Ein Kettenspanner der ersten Generation aus Kunststoff ist direkt daran zu erkennen, das das Teil – anders als nachfolgende Metallvarianten – bräunlich-rot gefärbt ist. Hier kann man einen Kettenspanner der ersten Generation sehen.

Da Jaguar sich der Problematik der Materialermüdung offenbar recht schnell bewusst wurde, wurde ab der Motornummer 98 01 21 0600 (Motor-Datum 21.01.1998 / 6:00 Uhr) der Kettenspanner der zweiten Generation verbaut: Immer noch aus Kunststoff, leider, aber mit einer Stützfeder. Hier gibt es ebenfalls eine Abbildung der Kettenspanner der zweiten Generation.

Erst mit der Motornummer 01 08 13 0000 (Motor-Datum 13.08.2001 / 0:00 Uhr) kamen die Kettenspanner der dritten Generation, die komplett aus Aluminium gefertigt wurden und damit vor der tückischen Rissbildung und den Auflösungserscheinungen der Kunststoffteile gefeit sind. Ein Bild von einem Kettenspanner ohne Kunststoff, ganz in Aluminium, gibt es zum Beispiel hier. Alleine schon der optische Unterschied ist signifikant!

(Quelle der Datumsangaben: Jaguar-Forumprofi)

Als Ersatzteil gab es die Kettenspanner der 3.Generation jedoch leider erst ab 2005. Alle Fahrzeuge, die vor 2005 auf neue Kettenspanner nachgerüstet wurden, haben damit aller Wahrscheinlichkeit noch Kettenspanner der zweiten Generation!

Wenn man sich eine Weile mit dem Thema beschäftigt, wird insbesondere klar, dass es außer einer Sichtprüfung bei geöffnetem Motorblock keine typischen Anzeichen zur Früherkennung eines Kettenspannerversagens gibt.

In den diversen Jaguar-Foren wird dieses Thema äußerst intensiv diskutiert. Es gibt wenige Fahrzeuge mit Schadensfällen, bei denen sich das Thema akustisch angedeutet haben soll. Einige „Betroffene“ berichten davon, dass ihr Motor quasi adhoc die Leistung verloren und einen Motorschaden erlitten hat. Auch erwähnenswert ist es natürlich, dass die Mehrzahl der X308 mit Kettenspannern der ersten beiden Generationen mehrere hunderttausend Kilometer ohne Probleme fährt…

Auch bezüglich der Umbaukosten ergibt sich kein durchgängiges Bild. Lässt man alle Kettenspanner austauschen, scheinen die Werkstattkosten insgesamt bei zwischen 1.500 Euro (freie Werkstatt) bis über 3.000 Euro (Jaguar-Vertragswerkstatt) zu liegen.

Ich habe mich entschieden, die Kettenspanner meines X308 wechseln zu lassen. Es ist immer schwierig, so viel Geld in Teile zu investieren, die kein wahrnehmbares Problem verursachen, aber ich möchtes das Risiko nicht tolerieren. Es ist in meinem Fakk eine Investition in die Gewissheit, dass hier keine Fallgrube mehr lauert.

 

Die Nikasil-Problematik

Die Nikasil-Problematik dürfte hierzulande das kleinere Problem sein und entsteht aus Nikasil-Beschichtung der Kolben-Laufflächen im Motorblock:

Die Nikasilbschichtung wurde ursprünglich von der Firma Mahle für die NSU-Wankelmotoren entwickelt.

Nikasil ist bis heute ein eingetragenes Warenzeichen von Mahle für eine Beschichtung aus Nickel und Siliciumkarbid für Aluminium-Zylinderlaufflächen in Kolbenmotoren. Das Akronym setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von Nickel, Karbid und Silizium.

Noch heutzutage wird diese Beschichtung im Motorsport verwendet, da sie große Vorteile hat:  Der Nikasil-Prozess erzeugt eine Schicht von Nickel-Silizium-Karbiden, die sehr hart und widerstandfähig ist. Man liest immer wieder, dass die Nikasil-Schicht fast mit der Härte einer Keramikbeschichtung vergleichbar sei. Die Nikasil-Schicht hat auch eine erhöhte Wärmeleitfähigkeit. Alles in allem sozusagen ein High Tech-Werkstoff, weshalb diese Motoren eigentlich eine besonders hohe Lebenserwartung haben sollten.

Aber: Schwefel im Treibstoff hat sich als der große Feind des Nikasil-Motos herausgestellt: „Schwefel greift sehr stark Nickel an, es gibt so gut wie keine Nickelverbindung, die von Schwefel nicht geknackt wird. Anschliessend geht das Schwefel eine Verbindung mit Nickel ein und bildet Nickelsulfid (NiS). NiS bröselt und würde ausgeschwemmt. Damit würde die Beschichtung sukzessive abgetragen. Hier reichen wahrscheinlich schon sehr geringe Mengen Schwefel.“ (Quelle: Maserati Forum)

Es kann dann zu einer teilweisen Ablösung der Nikasilbeschichtung kommen, wodurch die Lauffläche der Kolben beschädigt wird. Ein i.d.R. nicht mehr reparabler Motorschaden ist die Folge.

Nun ist es aber so, dass wir in Europa aus Umweltschutzgründen seit 2000 kaum noch mit Schwefel im Kraftstoff zu kämpfen haben. Das Probem könnte aber verstärkt Fahrzeuge betreffen, die z.B. aus UK oder den USA kommen, und mit „Schwefel-lastigen“ Kraftstoffen zu kämpfen hatten!

Nikasil-Motoren wurden im X308 von VIN 812256 bis VIN 878717 eingesetzt (im XK8 von VIN 001036 bis VIN 042775).

Ab der Motornummer 00 08 18 1044, also dem Motordatum 18.08.2000 / 10:44 Uhr  haben die Motoren keine Nikasilbeschichtung mehr.

 

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